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[Reisen] Brandenburg Teil 2: Skateboard-Hund und der schönste Regenbogen ever

Ein strahlender Morgen…Rührei mit gebratenem Speck und Würstchen…Blick auf den See…Freilauf für den Hund… genialer Start in den Tag!

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Dem Himmel so nah…

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Wann gibt’s Essen?????

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check!  Mit gut anderthalb Jahren jetzt würd ich sagen: definitiv ausgewachsen :-)

Bei einem kurzen Boxenstopp im Einkaufscenter für Wasser und Snacks entdeckte ich im Vorbeilaufen ein Sonderangebot… als Kind bin ich gern geskatet – vielleicht macht’s dem verrückten Eddie ja auch Spaß?! Der ist ja für alles zu haben, was nach Sport und Geschicklichkeit aussieht…

Auf dem Parkplatz gleich ausprobiert – Eddie war gar nicht mehr runterzukriegen! Sogar das Abstoßen mit der hinteren Pfote hatte er sofort drauf… vorwärts, rückwärts, Sitzen, Liegen, alles kein Ding…er bietet alles von selbst an :-)  na das ist ja ausbaufähig!

Und am Abend die große Überraschung: Sonnenuntergang und leichter Regen…

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burning sky
… und dann ein perfekter Regenbogen, wie ich ihn noch nie in meinem Leben gesehen habe. Über den gesamten Himmel, und ein zweiter Regenbogen kam noch dazu… magische Stimmung…

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somewhere over the rainbow… 
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wow.
Habt Ihr so einen runden Regenbogen schon mal gesehen? Wie eine Himmelsbrücke oder ein Tor in eine andere Welt…

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Als naturverbundene Wissenschaftlerin geht mir das Herz auf. Trotz allen Erkenntnissen der Physik und Biologie, Errungenschaften der Technik und Architektur – wir haben nicht einmal ansatzweise eine Ahnung, wie komplex und in sich perfekt die Natur wirklich ist. Wenn dann noch eine ausgetobte, schlammbespritzte Fellnase neben einem sitzt, kann ich nur noch sagen: zum Glücklichsein braucht es nicht viel. Es ist alles da.

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[Forschung] Neue Technologien für Blindenführhunde

Handy, Tablet, Smartwatch, Phablet — kaum jemand, der heutzutage nicht das Haus ohne verschiedenste Gadgets verlässt, die noch vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten technisch unmöglich erschienen. Wenn ich zum Beispiel an das iPad 2 denke: im Jahre 1994 hätte es zu den schnellsten Supercomputern der Welt gezählt, in einer Liga sogar mit dem legendären Cray (Jurassic Park-Leute, Ihr wisst, was das heißt!). Heutzutage ist die Kapazität Normalität und die Anwendungsmöglichkeiten im klinischen Bereich, besonders für körperlich eingeschränkte Menschen in Form von Implantaten und Prothesen, scheinbar unbegrenzt.

Blindenführhunde — Relevanz in der heutigen Zeit?

Trotz aller technischen Fortschritte jedoch: ein nach wie vor wichtiges Hilfsmittel für Blinde hat vier Beine, ein Herz und manchmal Flöhe. Trotz langwieriger und teurer Ausbildung ist der Blindenführhund ein überlebenswichtiger Alltagsbegleiter, der nicht nur einfach seinen „Job“ macht, sondern auch emotionale Nähe und Freundschaft spendet — was kein technisches Gadget vermag. Jedoch gibt es auch Einschränkungen im Handling des Blindenführhundes: Hunde kommunizieren zum überwiegenden Teil visuell über Körpersprache. Der Blinde jedoch verlässt sich auf seinen Hör- und Tastsinn. Darüber hinaus muss ein Blindenführhund Situationen treffsicher einschätzen können. Er sollte sich nicht provozieren lassen und auch stressigen Situationen ruhig entgegnen. Was jedoch nicht unbedingt heißt, dass er den Stress nicht als solchen wahrnimmt. Die Kenntnis über den aktuellen Gefühlszustand und physiologische Anzeichen von Stress, wie erhöhter Herzschlag und schnellere Atmung, würden einen wichtigen Informationskanal für den Blinden bedeuten, um seine Umwelt besser einschätzen zu können, und, wenn möglich, den Hund stressende Situationen zu beenden.

Neue Studie: Hund-Blinden-Kommunikation

Eine kürzliche Studie hat sofort mein ScienceFiction-Hunde-Herz höherschlagen lassen: Dr. David Roberts, an der US-amerikanischen North Carolina State University, ist Assistenzprofessor für Informatik und ein begeisterter Amateur-Hundetrainer. Er ist Leiter der innovativen Arbeitsgruppe CIIGAR-Lab und vereint dort beide Interessen: Softwaredesign und Hardwareentwicklung mit Veterinärmedizin, mit dem Ziel der Verbesserung der Mensch-Hund Kommunikation (siehe auch das Video zur spannenden Arbeit des Labors). Seine Arbeitsgruppe hat auf der ACE-Konferenz eine Pilotstudie vorgestellt (Mealin et al., 2015), die sich mit den technischen Voraussetzungen beschäftigte, wie der physiologische Zustand des Hundes, somit indirekt also auch sein „Gefühlslage“, an den Hundeführer nicht-visuell weitergeben werden könnte.

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Mein Traum, irgendwann: ein mobiles Verhaltenslabor auf dem Smartphone!

Herzschlag und Atmung: Hören und Fühlen der Erregungslage des Hundes

Die Forscher in der Gruppe um Dr. Roberts (Mealin et al., 2015) entwickelten einen smarten Führgriff, der an beiden Ecken vibrieren kann, sowie ein akustisches Interface über Bluetooth-Kopfhörer. In der Pilotstudie wurde die neue Technologie zunächst mit sehenden Probanden untersucht, ohne Hunde. Das ist in der Pilotphase eines Projektes so üblich, auch um den Patienten den Stress durch möglicherweise noch nicht ausgereifte Technik oder Bugs in der Software zu ersparen.

Zehn Probanden gingen mehrere Runden Gassi mit einem „virtuellen“ Hund: eine intelligente Software simulierte den Herzschlag und Atmung, die sich wie beim echten Gassi je nach Situation beschleunigen oder verlangsamen können. Die Probanden bekamen zur Atmung und Herzschlagrate ein akustisches (Kopfhörer) oder vibrotaktiles Feedback (Vibrationen am Führgriff). Der Vorteil an dieser Untersuchungsmethode, zunächst ohne Hund: Technik und Software können standardisiert unter exakt identischen Voraussetzungen getestet werden, was ihre Entwicklung für die spätere Alltagstauglichkeit erleichtert.

Die Probanden wurden gefragt, ob sie das vibrotaktile oder akustische Feedback bevorzugten, und zu verschiedenen technischen Einstellungen, die die Bedienbarkeit des Interfaces erleichtern könnten. Die (sehenden) Probanden bevorzugten das akustische Feedback über die Kopfhörer und fühlten sich subjektiv sehr sicher (durchschnittlich 9 von maximal 10 Bewertungspunkten), Veränderungen im Herzschlag und der Atmung zu erkennen. Objektiv gesehen waren sie auch sehr treffsicher mit durchschnittlichen Trefferquoten von 76 bis 96 % (Mittelwert aller Trefferquoten 85 %). Selbst unter gedanklicher Ablenkung (Rechenaufgabe) funktionierte die Erkennung mit nur leicht geringeren Trefferquoten.

Fazit

Bei Aufregung, Stress oder Ärger gehen Herzschlag und Atmung hoch. Dafür muss sich der Hund keinen Zentimeter bewegen, was die Erkennung des Errungszustandes beim Hund für den Blinden erschwert. Dank der vorliegenden „proof of principle“ Pilotstudie aus der Roberts-Gruppe wurde nun gezeigt, dass die Hard- und Software so weit entwickelt sind, um diese Technologien für den Einsatz am Blinden vorzubereiten. Größere Fallzahlen und die Untersuchung mit Patienten und Hunden wären die nächsten Schritte, im Labor und auch unter realen Alltagsbedingungen. Für Neuigkeiten schaut doch mal auf der Homepage der Arbeitsgruppe von Dr. Roberts vorbei. Ich bleib dran! :-)

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Eddie, das mit dem Assistieren üben wir aber noch mal ;-)

 


Weiterführende Links

Original-Studie

Mealin S, Winters M, Domínguez IX, Marrero-García M, Bozkurt A, Sherman BL, Roberts DL (2015). Towards the Non-Visual Monitoring of Canine Physiology in Real-Time by Blind Handlers. ACE ’15 Proceedings of the 12th International Conference on Advances in Computer Entertainment Technology, Article No. 66, ACM New York, NY, USA.

Forschungsinstitut zur Mensch-Hund-Kommunikation (Dr. David Roberts)

http://ciigar.csc.ncsu.edu/research/canine

ciigar.csc.ncsu.edu/people/robertsd

https://www.youtube.com/watch?v=ccilNPMIXKE&feature=youtu.be

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[Reisen] Brandenburg Teil 1: Mäuse, Mücken und Schnitzel

Das Land Brandenburg, mit seinen vielen Seen, Flüssen, verwunschenen Wäldern und endlosen Schilfwiesen, ist einfach traumhaft zum Wandern und Seele-baumeln-Lassen. In zwei Teilen hab ich für Euch ein paar Eindrücke…

Ganz wichtig: Mückenzeugs nicht vergessen, sonst geht es Euch wie mir: raus aus dem Auto in den Wald zum pinkeln, und sofort hängen Euch riesige Schwärme buchstäblich am Allerwertesten… Tja, das Land Brandenburg hält allerlei (schöne) Überraschungen für Mensch und Hund bereit! Seht selbst:

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Frühstück?! Der Tag beginnt schon mal gut für Eddie… Sollte das eher für oder gegen das Hotel sprechen? ;-)
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Jaaaa, ich muss direkt neben Deinen Füßen buddeln… es riecht genau hier sooo gut!
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kleine Mittagsstärkung!
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Outdoor-Parcour
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Die 2. Schafherde seines Lebens. Erfolgreiche Beherrschung wird belohnt und…
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… macht müde!

Brandenburg hatte noch tolle Überraschungen für uns bereit – eine davon sieht man vielleicht nur ein Mal im Leben… Eindrücke davon, und mehr von unserem schönen Trip, gibt’s demnächst für Euch im 2. Teil!

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[Forschung] Was verrät das Frontalhirn von Hunden über Impulskontrolle?

Neulich bei uns auf dem Hundeplatz: Der Schäferhund sitzt perfekt ausgerichtet neben seinem Halter und bleibt felsenfest dort kleben, egal ob Spielzeuge herumfliegen oder andere Leute mit Hunden dicht vorbeilaufen. Der Jack Russell Terrier aus der Gruppe würde jedoch am liebsten bei jeder Bewegung losstürmen und ‘ne große Party feiern — am besten überall gleichzeitig… Hier überspitzt erzählt, aber von Hunden mit (mangelnder) Impulskontrolle kann wohl jeder Hundehalter, Trainer und Dogwalker berichten.

Impuls: Masse x Geschwindigkeit eines Körpers (Physik)

impulsus: Antrieb, Fortbewegung (Latein)

Das hündische Gehirn reguliert Impulskontrolle

Mögliche Ursachen unterschiedlicher Ausprägungen von Impulskontrolle gibt es natürlich viele, z. B. Trainingsstand, Alter, Charakter und Rasse. Was aber ist der gemeinsame Nenner bei allen Hunden zur Impulskontrolle? Das hündische Gehirn steuert, vereinfacht gesprochen, Reizaufnahme (zum Beispiel: geworfenes Spielzeug, Halter zeigt Bleib-Handzeichen), Reizverarbeitung (Was ist das? Wie schnell? Ungefährlich? Hinterherwollen?) und Verhalten (Losrennen oder Sitzenbleiben). Was also passiert im hündischen Gehirn, wenn der Hund sich kontrollieren kann oder nicht? Einfache Frage, nur wie untersucht man das bei Hunden, ohne, dass ihnen ein Haar gekrümmt wird?

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Impulskontrolle deluxe ;-)

Gehirnscan mit (funktionaler) Magnetresonanztomographie (fMRT)

Stellt Euch mal einen der riesigen, etwa 7-Tonnen schweren MRT-Gehirnscanner vor.

In sehr vielen Kliniken und Forschungsinstituten wird MRT standardmäßig beim Menschen verwendet, um nicht-invasiv millimeterscharfe, dreidimensionale Bilder vom Gehirn bei der Arbeit, quasi in Echtzeit (funktionale MRT), zu ermöglichen. Den Scanner umgibt ein sehr starkes Magnetfeld (beim 3 Tesla-Scanner etwa 62.000 Mal stärker als das Erdmagnetfeld, dem wir jeden Tag ausgesetzt sind).

Das starke Magnetfeld wird an sich nicht als schädlich angesehen; heißt jedoch: selbst die kleinste vergessene Büroklammer kann im Scanner-Raum zum tödlichen Geschoss werden. Der Scanner wird teils auch extrem laut, Kopfhörer sind also angesagt. Und ganz still liegen muss man auch, damit die Gehirnbilder nicht verwackeln. Wichtig: die Methode ist medizinischer Standard, tut nicht weh und ist nicht-invasiv, der Kopf wird also nicht verletzt. Und nun stellt Euch diese ungewöhnliche Umgebung für einen Hund vor, der dort drin Aufgaben zur Impulskontrolle ausführen soll. Wer ist so verrückt, das zu probieren?

fMRT bei Hunden – raffiniertes Verhaltenstraining

Die US-amerikanische Forschergruppe um Dr. Gregory Berns an der Emory University in Atlanta/Georgia hat jahrzehntelange Expertise in der Durchführung von fMRT-Studien im Humanbereich. Seit einigen Jahren erforscht Dr. Berns mit dieser Methode auch das Gehirn von Haushunden, siehe auch die englischsprachige BBC Reportage. Die Hunde werden nicht sediert oder fixiert, und sie führen die Aufgaben freiwillig und entspannt aus. Faszinierend sind die Trainingsmethoden: monatelanges Training über positive Verstärkung, Shaping, den sorgfältigen Nachbau von einzelnen Scanner-Teilen als Dummytraining, Gewöhnungsarbeit an die Umgebung und Scannergeräusche… mehr Trainingsdetails sind in der Studie von Berns et al. (2012) beschrieben.

Neue Studie: Unterschiede in der Gehirnaktivität bei hündischer Impulskontrolle 

Die neue fMRT-Studie von Dr. Peter Cook und Kollegen (2016) aus der Gruppe um Dr. Berns widmete sich der Erforschung der neuronalen Mechanismen, welche guter (oder nicht so guter) Impulskontrolle von Haushunden zugrundeliegen könnten. Hierfür untersuchten sie 13 Hunde unterschiedlicher Rassen (unter anderem Golden-Retriever und Viszla) und unterschiedlichem Alter (3-10 Jahre), die bereits in früheren Studien teilgenommen hatten und deshalb sehr gut an die Scannerumgebung gewöhnt waren.

Der Fokus lag in der Studie nicht auf Rassen- oder Altersunterschieden; das monatelange Training zur Studienteilnahme ist extrem aufwändig und nur unter sorgfältiger charakterlicher Vorauswahl möglich (etwa Zeigen von Neugier und Ruhe in neuen Situationen), was die geringe Fallzahl erklärt.

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Bleeeib… lehrbuchgemäßer Giraffenhals beim Würstchenanblick.

Pfeife und Würstchen – Verhaltenstest zur Impulskontrolle

Die Forscher untersuchten zuerst eine sogenannte Go-NoGo Aufgabe. Das kann man sich, übertragen auf den Hundealltag, so vorstellen, dass der Hund dem geworfenen Spielzeug nachlaufen darf („Go“), aber wenn das Signal „Bleib“ kommt und danach das Spielzeug geworfen wird, der Hund nicht nachläuft („NoGo“) – also Impulskontrolle zeigt. Das kann man im Scanner so natürlich schlecht nachstellen, denn der Hund muss ganz still und entspannt in der Röhre liegen, damit die gescannten Gehirnbilder lesbar sind. Die Forscher erfanden deshalb eine vereinfachte Aufgabe. Das Spielzeug ist der Ton einer Pfeife, das Nachlaufen ist eine Nasenberührung eines Objektes, und das „Bleib“ wird durch eine Armgeste angezeigt.

Das sah im Scanner dann so aus: der Hundehalter stand vor dem Hund in der Scannerröhre mit einer Pfeife im Mund. Hob der Mensch die linke Hand, sollte der Hund nichts machen. Bei dem Klang der Pfeife (also das „Go“ Signal) sollte der Hund ein etwa 2 cm vor ihm positioniertes Objekt mit der Nase berühren. Wenn der Mensch jedoch ein X mit den Armen formte („NoGo“ oder Bleib-Signal) und kurz danach in die Pfeife blies, sollte der Hund nichts unternehmen (mindestens 10 Sekunden). Erfolgreiche Reaktionen (korrekter Nasentouch und korrektes Nichts-Machen) wurden mit Würstchen belohnt. Das Training zur sicheren Ausführung dieser Aufgabe wurde mit den Hundehaltern ausgeführt und dauerte etwa 2-4 Monate, dann wurde die Durchführung im 3-Tesla-Scanner untersucht.

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Ungefähre Position der verstärkten linkshemisphärischen Aktivierung im Frontallappen bei erfolgreicher Impulskontrolle. Abbildung erstellt mittels dem Digital Atlas of the Dog Brain (Datta et al., 2012) anhand der Studienergebnisse von Cook et al. (2016).

Captain auf der Brücke – Studienergebnisse über das hündische Frontalhirn zur Impulskontrolle

Die Gehirnscans in der Studie von Cook und Kollegen (2016) ergaben: desto mehr Impulskontrolle die Hunde zeigten, sprich auf die Pfeife nicht reagierten, desto stärker zeigte sich eine stärkere Durchblutung im unteren, linkshemisphärischen Frontalhirnlappen, sprich verstärkte neuronale Aktivität.

Räumlich grob vereinfacht gesagt: stellt euch einfach den linken Kotflügel beim Auto vor, der sich beim Fahren aus bestimmten Gründen stärker erwärmt, als der Rest der Karosserie. Zurück zum Gehirn: ähnlich zu Forschungsergebnissen beim Menschen kann man sich das Frontalhirn ein bisschen wie die Kommandobrücke auf dem Raumschiff Enterprise vorstellen: viele Nachrichten aus dem All und dem Schiff kommen rein, und Captain Kirk trifft eine Entscheidung: den Planeten ansteuern, in der Umlaufbahn warten oder Rückzug. Diese Anweisung wird dann durch die Crew und die Schiffsmechanik umgesetzt. Der Captain und die leitenden Brückenoffiziere haben besonders viel zu tun, wenn die Situation oder der Schiffszustand schwierig ist. Sie wollen den fremden Planeten untersuchen, aber die feindlichen Klingonen enttarnen sich gerade direkt vor der Enterprise.

Diesen Widerspruch aufzulösen und zur „richtigen“ Entscheidung zu kommen, kostet viel Arbeit. Im Gehirn wird viel Arbeit durch erhöhte Durchblutung angezeigt, was indirekt auf erhöhte neuronale Aktivität schließen lässt — was Cook und Kollegen in ihrer Studie im linken Frontalhirn zeigen konnten.

Es kostet Aufwand, sich selbst zu beherrschen und nicht sofort einem automatischen Handlungsimpuls zu folgen, was jeder Hundehalter bestätigen kann, der seinem Hund „Bleib“ beibringen möchte, während er das Spielzeug wirft oder der Lieblingshundekumpel um die Ecke biegt. Es ist aufregend, im hündischen Gehirn räumlich ähnliche neuronale Regionen zu finden, die beim Menschen u. a. für Selbstkontrolle zuständig sind (Aron et al., 2007).

Warum bei der untersuchten Hundegruppe speziell die linke Hirnhemisphere involviert war, können die Autoren nur durch Vermutungen erklären, was sicherlich weitere Studien nach sich ziehen wird. Leider können solch komplexe Scanner-Studien schwer pathologische Fälle mit Defiziten in der Impulskontrolle untersuchen – schlichtweg, weil die Gewöhnung und das Training an die Sanner-Umgebung sehr aufwändig sind, eine hohe Gelassenheit und Reiztoleranz erfordern, und eine enge Zusammenarbeit zwischen Hund und Mensch nötig ist. Und die ganze Arbeit hat sich gelohnt: zum ersten Mal konnten Hinweise auf mögliche neuronale Mechanismen demonstriert werden, die der hündischen Impulskontrolle in Trainingssituationen zugrundeliegen können – und die weiterer Untersuchung bedürfen.

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Fast wie im MRT-Scanner?! Eddie mit 5 Monaten.

Meine Kritik an der fMRT-Studie von Cook et al. (2016)

  • Missverständliche Begrifflichkeiten. Die Terminologie könnte meiner Ansicht nach präziser sein: es ist die Rede von „kognitiver Kontrolle“ oder „Selbstkontrolle“. Diese der Humanpsychologie entliehenen Begriffe implizieren das Vorhandensein von Kognitionen (Denkleistungen) oder eines Selbstverständnisses bei Hunden — in der Kanidenforschung umstrittene Konzepte. Als Wissenschaftlerin würde ich den neutralen, objektiv messbaren Begriff „Impulskontrolle“ benutzen. Impulskontrolle, im Sinne von Bewegungskontrolle und dadurch entsprechendes Befolgen der gestellten Aufgabe, ist durch Verhaltensbeobachtung messbar und kann durch zeitgleich erhobene Gehirndaten ergänzt werden. Deshalb verwende ich hier auch bewusst im Artikel, abweichend von den Autoren, den Begriff Impulskontrolle.
  • Deckeneffekt. Die teilnehmenden Hunde sind in gewisser Weise Experten in „passiver“ Impulskontrolle, denn es war monatelanges Training erforderlich, um sie an die Scannerumgebung und Messvorgänge zu gewöhnen. Insofern könnte das generelle Level an Impulskontrolle bereits latent erhöht sein (Deckeneffekt). Darauf aufsetzend kommt jedoch die variable Impulskontrolle bei der Durchführung der experimentellen Aufgaben (Go oder NoGo per Handzeichen).
  • Unbeantwortete Fragen. Ist die Impulskontrolle „besser“ als bei Hunden, die kein so intensives Scanner-Training durchlaufen haben? Wurden die Hunde mit derselben Aufgabe untersucht, als sie noch „naive“ Haushunde ohne Scanner-Erfahrung waren? Warum performen manche Hunde besser als andere, obwohl sie dieselben Trainingsprozeduren durchlaufen haben?

Fazit

Die Autoren der Studie sind der Ansicht, dass Ergebnisse aus der Hirnforschung beim Hund modellhaft auf den Menschen übertragen werden können, um kognitive Mechanismen, wie etwa Selbstkontrolle, besser verstehen zu können (oder umgekehrt Hund —> Mensch). Diese Ansicht teile ich nicht direkt; das wäre wie Äpfel mit Birnen vergleichen. Dennoch gibt es zwischen beiden viele Gemeinsamkeiten (Kernobstgewächs, Schale, Fruchtfleisch, Samen…).

Wenn Unterschiede zwischen Hund und Mensch in der neurowissenschaftlichen Diskussion transparent kommuniziert werden und nicht psychiatrische Fachbegriffen aus der Humankunde unreflektiert und ohne Datengrundlage übertragen werden, kann vergleichende Hirnforschung zwischen Hund und Mensch durchaus spannende Denkanstöße liefern für Praxis und Training.

Und auf dem Hundeplatz, wenn der Jack Russell das nächste Mal wieder losstürmt, kann ich mir jetzt besser erklären, warum. Erkenntnisse aus der Verhaltens- und Gehirnforschung berücksichtigend, können Hundehalter und Ausbilder das Training entsprechend optimieren.

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Impulskontrolle ist alles – und vielleicht fliegt ja doch mal ganz rein zufällig ein kleines Würstchen vom Tisch…?

Weiterführende Links

Original-Studie (kostenpflichtig)

Cook PF, Spivak M, Berns G (2016). Neurobehavioral evidence for individual differences in canine cognitive control: an awake fMRI study. Animal Cognition (in press). DOI: 10.1007/s10071-016-0983-4

Digitaler Atlas des Hundegehirns

Datta R, Lee J, Duda J, Avants BB, Vite CH, Tseng B, Gee JC, Aguirre GD, Aguirre GK (2012). A digital atlas of the dog brain. PLoS One. 2012;7(12):e52140.

https://cfn.upenn.edu/aguirre/wiki/public:data_plosone_2012_datta

Artikel: Hundetraining im nicht-invasiven Gehirnscanner

https://practicalfmri.blogspot.de/2015/07/functional-mri-of-trained-dogs.html

Video: Dr. Gregory Berns und Hundetraining für den Scanner

https://www.youtube.com/watch?v=Q5sXqk4j9jk

Details zum Training über positive Verstärkung in der Scanner-Umgebung (kostenloses PDF):

Berns, GS, Brooks AM, Spivak M (2012). Functional MRI in Awake Unrestrained Dogs. Plos One, 7(5): e38027

Artikel: Frontalhirn und Selbstkontrolle beim Menschen

http://www.jneurosci.org/content/27/44/11860.full

wo isses???

Hund verlaufen

Wenn Dein Hund im endlosen Feld mit mannshohem Getreide verschwindet, und Du *nichts* mehr siehst, außer nach ein paar Minuten einen Hasen, der die Löffel hochstreckt und friedlich weitermümmelt – absolute Stille – Dein Hund nach 10 Minuten in dem riesengroßen Feld immer noch nicht wieder auftaucht – dann ist der Moment gekommen, wo auch ich mir denke: oh Scheiße.

Aber der Reihe nach ;-) Am Wochenende ging’s raus auf’s Land. Sonne, warm, ein schöner Feldweg. Schleppleine natürlich dran, nur die kurze, weil das Gelände war sehr übersichtlich ohne Ablenkungen, der Hund war ruhig und gut ansprechbar. Das Getreide stand gut anderthalb Meter hoch, am Wegrand dicht bewachsen mit wilden Gräsern, Eddie blieb auf dem Weg, und so hielt sich auch die Grannengefahr in Grenzen.

Nach einiger Zeit machte der Feldweg eine leichte Biegung. Eddie lief entspannt etwas voraus, knapp außerhalb der Reichweite der Schleppleine. Er schnüffelte am Wegesrand und lief dann nach links, anscheinend ins Feld. Was war da los?! Ich hechtete hinterher, und genau an dieser Stelle war ein Stück des Feldes abgeerntet – freie Fläche und ein Misthaufen. Eddie dachte wohl, oh super, da geht der Weg lang! Und ich konnte es aufgrund der leichten Wegbiegung mit Büschen nicht erkennen, und hatte es ehrlich gesagt auch nicht erwartet, dass ein weitläufiges Feld genau an dieser unscheinbaren Stelle in einem überschaubaren Streifen abgeerntet wurde, um dort große Misthaufen abzulegen…?!

 

Mist und Freifläche – eine unwiderstehliche Kombination! Ich sah von Eddie nur noch das vor Begeisterung hüpfende Hinterteil und die wedelnde Rute – und das Ende der Schleppleine außerhalb meiner Reichweite. Er ließ sich abrufen, kam auch fast ganz heran. Doch dann erregte irgendein hammer Duft seine Aufmerksamkeit und in dieser ganzen Aufregung vergaß er sich wohl etwas… stürmte zum Feldrand – und direkt rein. Zu hohe Erregung = nicht ansprechbarer Hund. Ich sah noch ein paar wedelnde Gerstenhalme, dann war alles still.

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Feldermeer… wo ist der Hund?!

Diese Ruhe war echt gespenstisch! Ich kam mir vor, wie in einem B-Movie-Horrorstreifen. Sonnenschein, alles friedlich, ein wundervoll wogendes Getreidefeld – in dem irgendwo mein Hund rumstromerte (verspäteter Pubertätswahn?!) und wahrscheinlich genüsslich alle Hasenköttel einzeln auflas ;-)  Man sah minutenlang nichts, keine Hundeohren, keine Rutenspitze, keine Bewegung der hohen Halme – gar nichts!!! Als wäre mein Hund einfach komplett verschwunden und ich in einem hundelosen Paralleluniversum… Na klar war es genau der Tag, an dem ich ganz ausnahmsweise kein Handy mit hatte, die Hundepfeife im Auto lag und Eddie sein Namenshalsband (mit Handynummer) nicht um hatte – weil wir uns „nur ganz kurz“ mal aus dem Auto die Beine vertreten wollten.

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Spurensuche – ein Lebenszeichen ;-)

Als dann nach 10 Minuten Rufen immernoch kein Hund in Sicht war, kam in mir doch leichte Panik hoch. Das Feld war riesig, der könnte bis sonst wohin gelaufen sein!? Ich versuchte mir, bewusst zu machen, dass mit seinen guten Ohren Eddie meine Stimme durchaus noch wahrnehmen und sich daran orientieren konnte. Also stapfte ich in einer schmalen Trecker-Spur durch’s riesige Feld in die Richtung, wohin ich Eddie verschwinden gesehen hatte. Unnötig zu erwähnen, dass ich an diesem Tag meine funkelnagelneuen Laufschuhe trug, die zwar für Outdoor gedacht waren, aber ich nicht unbedingt vorhatte, sie gleich am allerersten Tag in hellbraunem, knöchelhohen Matsch auf dem Feld  zu ersäufen :-)  auch gar nicht toll fand ich das Thema Grannen. Hatte ich Eddie doch extra beigebracht, immer auf dem Weg zu bleiben, und nun hechtete er im Fullspeed durch ein ganzes Grannen-Meer??!

Nach einer gefühlten Ewigkeit, Schweißausbrüchen, Herzrasen und neuem Schuh-Design tauchte ein glücklich strahlender Hund, komplett außer Atem, voll mit Matsch und bester Laune ein paar Meter vor mir mitten im riesigen Feld auf – er hatte meine Stimme wohl geortet und mich endlich gefunden! Ich untersuchte ihn sofort kurz auf Verletzungen und Grannen (um es später im Auto noch mal gründlich zu tun). Und: obwohl ich innerlich kochte vor Wut, vor allem auf mich selbst, und echt Angstmomente durchlebt hatte – ich ließ mir nichts anmerken ;-)  ich lobte Eddie riesig, als er aus dem Gerstenmeer wieder auftauchte, und führte ihn ruhig zurück zum Auto.

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Wildwiese am Feldrand

Fazit: Fehler macht der Halter, nicht der Hund! Die Wachsamkeit darf *nie* nachlassen, finde ich, denn selbst in einem sehr überschaubaren Gelände können sich mitunter unüberschaubare Situationen ergeben :-)  Ich hatte die kleine Wegbiegung visuell falsch eingeschätzt, meinem Hund signalisiert, lauf ruhig ein kleines Stückchen vor, da geht das Feld ja weiter. Und dass da plötzlich eine nicht einsehbare Freifläche mit Misthaufen und Hasenköttel wartet, dem Kleinen die Sicherungen durchgehen und er sich auch noch im Feld verläuft – naja, blöde Verkettung von Faktoren und aus Hundesicht verständlich. Unter’m Strich: Hund ist wieder da, keine Verletzten, und: der Hund ist keine Maschine – der Mensch auch nicht. Aber Wachsamkeit lässt sich trainieren und man rechnet am besten immer mit allem, auch wenn es einem den Moment gerade total unwahrscheinlich scheint ;-)

P.S.: danach gab’s erstmal lecker Futter für die Nerven!

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Schnitzel!!!

 

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[Forschung] Gute Hundemutter — guter Hund? Mütterlicher Erziehungsstil beeinflusst Sozialverhalten und Aggression im Erwachsenenalter

Woher hat mein Hund nur sein Temperament? Der war schon als Welpe so!? Hab ich in der Erziehung was falsch gemacht? Welcher Welpe könnte später gut geeignet sein als Dienst- oder Assistenzhund?  — Solche oder ähnliche Fragen kennt wohl fast jeder Hundebesitzer bzw. Ausbilder, die Welpen sorgfältig für ihren späteren Einsatzzweck auswählen müssen.

Wie wird sich die „Persönlichkeit“ des Welpen entwickeln, im Sinne von stabilen Verhaltensmustern und Emotionalität? Wird er als erwachsener Hund neugierig und sozial aufgeschlossen oder eher ängstlich oder aggressiv? Klar, es gibt sehr viele mögliche Einflüsse, die sich einteilen lassen in genetische Anteile und Umwelteinflüsse. Und im Welpenalter lassen sich natürlich nur grobe Tendenzen der späteren Persönlichkeit erkennen. Nur, wie findet man das heraus?

Wie tickt der Welpe? Bisherige Verhaltenstests und deren Grenzen.

Die bisher häufigsten Methoden, um die erwachsene Persönlichkeit des Welpen vorherzusagen, sind zum einen Wesenstest der Elterntiere (genetischer Anteil). Zum zweiten gibt es diverse Verhaltenstests beim Welpen (Einfluss aus der Umwelt und Gene). Die Vorhersagekraft solcher Tests ist jedoch umstritten und die Testergebnisse können durch den menschlichen Einfluss stark variieren – je nachdem, wie geschickt der Mensch den Test durchführt, wie streng er sich an die Standardisierungsvorgaben hält und wie er die Ergebnisse subjektiv interpretiert.

Neuer Verhaltenstest: Mutter-Welpen Interaktion.

Es gibt jedoch eine dritte, sehr effektive Testmethode, die ohne den kritischen menschlichen Einfluss auskommt, wie eine neue schwedische Untersuchung (Foyer et al., 2016) eindrucksvoll gezeigt hat. Die Studie der Gruppe um Per Jensen ist erschienen in der Zeitschrift Scientific Reports der renommierten Nature Publishing Group. Untersucht wurde, ob die Dauer des Körperkontaktes (Kontaktliegen, Säugen etc.) zwischen Mutterhund und Welpen in den ersten 3 Lebenswochen (Videobeobachtung) einen Zusammenhang hat mit späterem Verhalten des erwachsenen Hundes im Alter von ca. 18 Monaten.

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Kontaktschlafen – Eddie mit 11 Wochen

Das „Sozialverhalten“ wurde mittels eines standardisierten Wesenstests (Wilsson et al., 2012) eingeschätzt; die wichtigsten Faktoren waren laut den Autoren:

  • „Selbstvertrauen“: z. B. wenig Angst/Flucht bei plötzlichen Geräuschen oder Objekten.
  • „physisches Engagement“: z. B. wenig Zögern bei Metalltreppe, auf einen wackelnden Tisch springen.
  • „soziales Engagement“: z. B. Offenheit bei fremden Menschen, sich anfassen lassen; Kooperation an der Leine.
  • „Aggression“: z. B. Knurren, Attacken oder Angst bei Schreckobjekten. Aus der Studie wird das leider nicht ganz klar, und Angst wurde nicht einzeln untersucht. Es ging nicht um die Aggression gegenüber  anderen Hunden.

Wichtig: Die Namen der einzelnen Verhaltenskategorien finde ich von den Autoren etwas verwirrend gewählt. Wenn man in die originalen Testaufgaben reinschaut (Wilsson et al., 2012), ist es verständlicher. Es ging vor allem um die Reaktion auf Schreckreize und in fremden Situationen mit neuen Objekten, bzw. die Reaktion auf fremde Menschen und die Kooperation mit dem Hundeführer. „Sozialverhalten“ in Bezug auf Mensch und Umwelt, ohne andere Hunde.


Ergebnis: je „kuscheliger“ die Hundemutter, desto „sozialer“ der erwachsene Hund.

Die Studie ergab folgende wichtige Befunde. Achtung: es sind statistische Trends in einer kleinen Gruppe (22 Deutsche Schäferhunde aus Schweden), die nichts über den einzelnen (Euren) Hund aussagen können.

1) Die Schäferhunde-Mütter unterschieden sich in ihrem „Erziehungsstil“: manche Mütter waren „liebevoller“ mit ihren Welpen, in Form von mehr Körperkontakt, andere Mütter waren distanzierter.

2) Welpen, die mit ihren Müttern mehr Körperkontakt hatten (in den ersten 3 Lebenswochen), zeigten als Erwachsene (Alter ca. 18 Monate) besseres Sozialverhalten in Kooperation mit dem Menschen (z. B. Offenheit bei Fremden, Zusammenarbeit mit dem Hundeführer in neuen Situationen) und weniger Aggression/Ängstlichkeit z. B. bei Schreckreizen.

3) Sommer-Welpen zeigen als Erwachsene im Verhaltenstest mehr soziales und körperliches Engagement und etwas mehr Aggression/Ängstlichkeit z. B. auf Schreckreize (Achtung: gemischter Faktor, wurde in der Analyse nicht getrennt).

4) Welpen kleiner Würfe zeigen als Erwachsene mehr soziales Engagement und auch etwas mehr Aggression/Ängstlichkeit auf Schreckreize (Achtung: gemischter Faktor, wurde in der Analyse nicht getrennt).

Spannend: auch bei Mäusen, Ratten, Affen und beim Menschen wurde nachgewiesen, dass die Mutter-Kind Interaktion einen wichtigen Einfluss auf die spätere „Persönlichkeitsentwicklung“ hat (siehe auch Konok et al., 2015).


Wie wurde untersucht?

In der Studie von Foyer et al. (2016) wurden die Würfe von 22 Deutschen Schäferhund-Hündinnen in den ersten 3 Lebenswochen gefilmt. Die Hunde waren im Zuchtprogramm für Diensthunde im schwedischen Militär. Die Hündinnen lebten in Pflegefamilien und kamen nur zum Werfen und Aufzucht in den ersten 8 Wochen in das Forschungszentrum. Die Sozialisation der Welpen an die Umwelt wurde gewährleistet und nach der 8. Woche kamen die insgesamt 94 Welpen getrennt in eigene Familien, ohne weiteren Kontakt zur Mutter. Im Alter von 15-18 Monaten wurden sie erneut ins Forschungszentrum eingeladen und ihr Sozialverhalten mit einem genormten Test untersucht.

Um die Mutter-Welpen Beziehung einzuschätzen, wurde das Verhalten bis zur 3. Lebenswoche auf Video analysiert: wie lange dauert das Säugen? Wie lange findet Kontaktliegen statt? Wieviel und wie lange berührt die Mutter ihre Welpen (abschlecken, schnüffeln, mit der Nase anstubsen)? Wie lange bleibt die Mutter in der Box mit ihren Welpen? Aus diesen standardisierten Einzelbeobachtungen berechneten die Forscher einen Index für jede der 22 Hundemütter, der die Menge des Körperkontaktes bzw. der Mutter-Welpen Interaktionen aussagt.

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Meine Kritik an der Studie:

  • negativ: geringe Fallzahl, nur 1 Rasse. Keine Trennung zwischen Aggression/Aggressivität/Ängstlichkeit. Hohe Ausreißerwerte (siehe Abbildung 2,  S. 7)! Ob die mit einer Spearman-Korrelation überhaupt überleben würden? Keine Infos über das Sozialisationsprogramm, was haben die Welpen in dem Jahr bei ihren Pflegefamilien erlebt? Es wurde auch keine innerartliche Aggressivität untersucht.
  • positiv: es wurden nur ersten 3 Lebenswochen untersucht, wo Einflüsse durch Mensch und Umwelt minimal waren und somit die Interaktion mit der Mutter der entscheidende Faktor gewesen sein muss. Videoanalysen als objektive Dokumentation des natürlichen Verhaltens, ohne dass der Mensch als Testleiter mit den Hunden interagiert und somit die Ergebnisse beeinflussen kann.

Fazit:

Aussagekräftige Wesenstests für Welpen sind von großem Interesse für Züchter, Ausbilder und Halter. Der Körperkontakt zwischen Mutter und Welpen scheint ein wichtiger Faktor zu sein für die Entwicklung eines offenen Sozialverhaltens und Stressresistenz gegenüber Mensch und Umwelt. Weitere Untersuchungen sind nötig, um die Befunde zu erhärten, und sie gegenüber genetischen und anderen Umwelteinflüssen abzugrenzen.

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Eddie mit 12 Wochen – heute noch genauso verkuschelt, wie damals :-)

Quellen und weiterführende Links

Original-Studie: Foyer et al. (2016). Levels of maternal care in dogs affect adult offspring temperament. Scientific Reports 6: 19253.

http://www.nature.com/articles/srep19253  [PDF kostenlos]

Dieser Wesenstest wurde in der Studie von Foyer et al. verwendet: Wilsson et al. (2012). Are there differences between behavioral measurement methods? A comparison of the predictive validity of two ratings methods in a working dog program. Applied Animal Behaviour Science: 141, 158–172.

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168159112002523 [kostenpflichtiger Artikel]

Englischsprachiger Bericht zum Thema:

https://www.psychologytoday.com/blog/canine-corner/201605/does-mother-love-play-role-in-rearing-better-dogs

Definition „Persönlichkeit“ aus der Humanpsychologie:

http://www.uns.ethz.ch/edu/teach/bachelor/autumn/psych/downloads/VL4.pdf

Aussagekraft von Wesenstest bei Welpen:

http://www.nzz.ch/auf-den-richtigen-hund-kommen-1.4169246

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Profi-Abhärtung für (zukünftige) Hundebesitzer

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vorhin vor dem „Gänse-Zwischenfall“

Habt Ihr schon mal eine Abhärtungsliste erstellt? Aus gegebenem Anlass: wenn Dir nach Kaffee+Kuchen beim Losfahren Dein Hund ins Auto reihert (Wildgans-Hinterlassenschaften, die Eddie heute heimlich im Schilf wohl zum Probieren verdrückt haben muss), Du erstmal alles kopfüber auf der Rückbank hängend putzt und auf dem Rückweg in beißendem Gestank sitzt…und noch zwei Mal anhalten musst, weil Dein Hund die frisch ausgelegten Decken schon wieder vollgekotzt hat…und Du das alles klaglos erträgst – dann bist Du im Abhärtungstraining im Profibereich angelangt ;-) Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie abartig erbrochene Gänsescheiße stinkt…

Als Hundebesitzer muss man echt auf alles gefasst (und ausgerüstet) sein. Was andere Leute als Ekelfaktor hoch zehn einstufen würden, ist für mich als Hundebesitzerin Alltag – wenn der Hund ein meiner Ansicht nach „normales“, natürliches Hundeleben führt. Hier eine „Abhärtungs-Liste“, worauf Du gefasst sein solltest, wenn Du planst, mit einem Hund/Welpen zu leben. Die gute Nachricht: man kann sich so ziemlich an alles gewöhnen. Alles eine Frage der (täglichen) Übung :-)

1) Gerüche

  • Erbrochenes (besonders schön, wenn man selber gerade gegessen hat). Wenn man Pech hat, geht’s auf die Autositze oder auf’s Sofa. Der heftigste Gestank bisher, den ich erlebt hab (nämlich heute): frisch erbrochene Gänse-Scheiße, gemischt mit Magensäure.
  • Hundekot/Auspuffkontrolle. Das tägliche Häufchen-Eintüten ist da noch die einfachste Übung. Weiteres: tägliche Kontrolle des Kots auf Konsistenz/Farbe etc. (erste Krankheitsanzeichen); in der Wohnung putzen, wenn man den kritischen Zeitpunkt beim Welpen verpasst hat; Pfoten oder Schuhe putzen, falls der Hund oder man selbst wo reingetreten ist; Popo abwischen bei Giardienbefall o.ä.; Analdrüsen ausdrücken (machen manche Hundebesitzer selbst); für den Tierarzt Proben nehmen etc… Die Liste ist lang…
  • Durchfall. Draußen geht’s ja noch. In der Wohnung jedoch braucht man eine höhere Schmerzgrenze. Teppich generell ist mit Hund keine Option, meiner Ansicht nach.
  • Urin. Gerade beim Welpen geht’s anfangs noch schnell daneben. Oder man hat das Glück wie ich, wo ein Nachbarshund im Gespräch unbemerkt in mein Auto sprang und sofort auf den Fahrersitz einen riesen See pinkelte.
  • Pansen, frisch oder gekocht. Man kann sich dran gewöhnen. Wirklich. Auch gekochtes Kaninchen oder Gans kann recht streng riechen.
  • Ochsenziemer und andere Knabberartikel. So ein drei Tage alter Ziemer (also ein getrockneter Bullen-Penis), den der Hund unter’m Bett oder in den Hausschuhen versteckt hat, besitzt eine ganz besondere Duftnote.
  • Nasser Hund. Auch dieser Geruch ist nicht für jeden was.
  • Dosenfutter/Trockenfutter. Je nach Herstellung und Qualität kann es streng riechen bzw. stinken, nicht jeder kann diesen Geruch ab.
  • Wälzen. Je nachdem, worin sich der Hund gerne wälzt – bei Eddie sind es tote Mäuse. Gegen Leichengeruch und ähnliche Düfte sollte man abgehärtet sein, zumindest bis zum nächsten See oder nach Hause unter die Dusche…

2) Parasitenkontrolle (Auswahl)

  • Zecken. Nach jedem Naturspaziergang kontrolliere ich und sammele die kleinen Spinnentiere ggf. ab. Oder sie werden mit der Zeckenhake entfernt. So lecker sieht das nicht aus, und man muss genau hinkucken und Geduld mitbringen, damit die Zecke in Gänze gezogen wird und der Kopf/Mundwerkzeuge nicht in der Wunde verbleiben bzw. der Mageninhalt nicht in den Blutkreislauf gelangt.
  • Flöhe. Kontrolle und notfalls Behandlung ist auch nicht jedermanns Sache.
  • Ohrmilben. Kleine, fiese Krabbelviecher; ins Hundeohr muss man auch selbst kucken können, Medikamente in Absprache mit dem Tierarzt geben etc…
  • Würmer/Einzeller. Kot-Kontrolle bzw. regelmäßige Behandlung ist als Hundebesitzer immer ein Thema.
  • Zoonosen. Der Hund ist ein wandelndes Parasiten-Paradies, auch mit regelmäßiger Kontrolle/Behandlung besteht immer latent die Gefahr, dass auf den Menschen übertragbare Parasiten weitergegeben werden.

3) Anfassen

  • Den Hund an allen Körperstellen anfassen und säubern, Genitalien/Ohren/Maul kontrollieren können. Berührungsängste Fehlanzeige!
  • Wunden versorgen/ 1. Hilfe. Je nach Verletzung spritzt Blut, es müssen Verbände täglich gewechselt werden, tierärztlich verordnete Spritzen werden zuhause gegeben etc.
  • Mit bloßen Händen Urin/Kot oder verweste Tiere berühren, notfalls auch offene Wunden berühren können. Klar, es gibt Handschuhe, aber die sind nicht immer zur Hand. Auf dem Spaziergang hat der Hund eben doch mal eine vermoderte Ratte im Maul (könnte vergiftet sein!), der Collie mit MDR1-Defekt will gerade einen Pferdeapfel schlucken… Da sollte man schnell und ohne Scheu zufassen können.
  • Fleisch/Knochen. Falls der Hund gebarft wird oder Hausmannskost erhält, gehört der tägliche Kontakt zu Knochen, Gerippen, Innereien und ähnlichem dazu. Der Anblick von frischen Herzen, labbrigem Pansen, zersägten Knochen etc. ist nicht für jedermann im heutigen Industrie-Verpackungs-Zeitalter selbstverständlich bzw. erträglich.
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Kaninchen frisch aus dem Kochtopf. Eddie sitzt mit langem Hals vor der Küchentür…

Fazit: Ich möchte meinem Hund ein meiner Ansicht nach möglichst artgerechtes Leben ermöglichen. Dazu gehören Spaziergänge und Toben in freier Natur (Dreck! Zecken! Verletzungsgefahr), der Hund darf sich auch nach Herzenslust wälzen, Kontakt zu Artgenossen haben (Parasitengefahr)… Ich sorge für eine abwechslungsreiche Ernährung und kontrolliere regelmäßig auf Krankheiten und Parasiten. Und wenn mein Dicker dann total verdreckt und ausgetobt vom Spaziergang zurückkommt, danach sich den Bauch vollschlägt und alle Viere von sich streckend einpennt – was für ein cooler Tag! Und mir geht’s genauso gut :-)

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Happy Eddie nach Wald-Feld-See-Spielen-Futter

P.S.: Eddie ging’s nach der Kotzerei heute auch wieder gut. Rücksprache mit dem Tierarzt, war eine Unverträglichkeitsreaktion. Ich hab viel Wasser zum Trinken angeboten, sodass die unverträgliche Gänsescheiße im Magen sich schnell verdünnt und besser ausgebrochen werden konnte. Nach 4x Kotzen hörte es auf. Eddie, der kleine Staubsauger, musste in seinem jungen Alter heute wohl mal probieren, ob das Zeug schmeckt, was da im Schilf versteckt herumlag. Ob’s eine Lehre war, werden wir sehen…und ich hab ab jetzt ein besonderes Auge drauf!

Und was steht auf Eurer „Abhärtungsliste“? Trainiert Ihr auf Einsteigerlevel oder bei den Fortgeschrittenen? Was ist Euer persönlicher Geruchsfavorit??? :-)

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Lecker Ochsenschwanz! Eddie im Alter von ca. 3 Monaten (2015).
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Filmreif: arme Katze und Wildschwein-Grusel

Heute war ein Tag, der Eddie als „Abenteuer-Hund“ wieder alle Ehre gemacht hat. Früh morgens auf der Gassirunde fing es schon mal gut an: die exhumierte Katze. Samt Grabstein. Im kleinen Wald vor unserer Wohnanlage, wo echt viele Hunde täglich lang laufen, schoss Eddie plötzlich neugierig ein paar Meter neben dem Weg zu einem Gebüsch, wo irgendwas Grauweißes lag. Ich natürlich alarmiert sofort hinterher. Und konnte meinen Hund noch rechtzeitig von einer noch frischen toten Katze wegholen, die neben einem gebuddelten Loch lag. Müssen wohl die Wildschweine oder ein anderer neugieriger Hund ausgegraben haben? Das Loch war auch nicht tief. Der beschriftete Grabstein daneben zeigte, dass die Katze nur 4 Jahre alt geworden war.

Sagt mal ehrlich, wie krank ist das denn?!? Wer verbuddelt seine arme Katze in einem nur 50 cm tiefen Loch neben einem täglich gut bewanderten Weg, einsehbar von der Wohnanlage? Ist ein Platz auf einem Tierfriedhof oder eine Einäscherung so unerschwinglich? Davon mal ganz abgesehen, dass wenn eine nur 4 Jahre alte Katze verstirbt, eine Krankheit naheliegt? Und in dem kleinen Wäldchen definitiv die Wildschweine graben, was hier jeder weiß? Die Leute schrecken wohl vor gar nichts mehr zurück…?!

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Wildschweine direkt im Wohngebiet, keine Angst vor nix. Ich auch nicht ;-)

Dann die Nachmittagsrunde, im nahegelegenen etwas größeren Wald, direkt neben dem Wohngebiet – wo auch die Wildschweine wohnen. Um diese Zeit sind sie immer weiter drinnen und man kann den Weg gut laufen, (wie viele Hundeleute hier). Aber nicht heute. War ja klar. Wenn der Morgen schon so filmreif anfing ;-)  Eddie an der 10m-Schleppleine zischte plötzlich ab ins Unterholz. Durch die vielen Büsche konnte ich die Herde Wildschweine nicht sehen, die recht nah neben dem Weg stand. Und riechen konnte man sie auch nicht (Windrichtung?). Mein Terrier-Mix raste durchs Gebüsch und durch eine Lichtung sah ich ihn dann vor der Wildschweinherde stehen. Direkt frontal vor dem riesen Keiler, der wohl seine Herde bewachen wollte.

Mein Hund stand also vor den Schweinen, ich natürlich leichte Anflüge von Panik. Eddie ist ein offensiv-veranlagter Charakter mit viel Energie, der also alles Neue am liebsten selbstständig erkundet. Wohl durch seinen Terrier-Anteil agiert er bei Wildschweinen ziemlich furchtlos, die bei uns im Wohngebiet nun leider sehr häufig unterwegs sind – jetzt auch mit Frischlingen. Ich rief nach Eddie, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Klar, dass der Rückruf in dieser untrainierbaren Extremsituation erstmal nicht griff, obwohl ich meine Stimme erstaunlich gut im Griff hatte. Aber ich hoffte auf den Bruchteil einer Sekunde, wo Eddie aus Unsicherheit wenigstens kurz sich zu mir orientierte. Und tatsächlich: ich rief etwa vier Mal seinen Namen als Aufmerksamkeitssignal und danach erst den Rückruf – und er kam tatsächlich zu mir!

Blut und Wasser geschwitzt hab ich vorhin bei der überraschenden Wildschweinbegegnung übrigens wegen Eddies Schleppleine. Er ist sehr schnell und wendig, er würde einem angreifenden Wildschwein bestimmt ausweichen können. Aber die Schleppleine, ohne Handschlaufe natürlich, bremst eben doch aus oder verwickelt sich um Baumstämme/Gebüsch (oder ums Schwein ;-) oder der Hund stolpert drüber oder oder… So ein Leinenchaos kann wertvolle Sekunden kosten und nimmt dem Hund die Wendigkeit, wenn er vor dem Wildschwein fliehen will.

Meine Güte, selbst hier in der Großstadt ist man vor diesen Teilen nicht sicher. Und die Leute füttern sie extra noch bzw. kippen Essensreste vom Balkon, sodass die Schweine direkt neben den Häusern wohnen und sich fröhlich vermehren… Es läuft auf eine (hoffentlich) friedliche Ko-Existenz hinaus. Man kennt die Zeiten, wann die Wildschweine wo sind, die vielen Hundebesitzer hier warnen sich gegenseitig, und man muss mit dem Rest-Risiko leben (wenn man seinem bewegungsfreudigen Hund Freilauf ermöglichen will). Zum Glück ist heute alles gut gegangen. Und das Thema Schleppleine, auch wenn für so vieles extrem nützlich, hat eben auch einige Nachteile. Wie immer eben: der Zweck entscheidet!

Eddie hat sich nach dem aufregenden Tag heute was Leckeres verdient! Wild-Zucchini-Hirsebrei gibt’s heute… Und danach: schlafen! Sicherheitshalber das Handy in Reichweite… man weiß ja nie ;-)

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[Forschung] Menschengemacht: warum Spürhunde falsch liegen können

Der exzellente Geruchssinn der Hunde erlaubt ihren vielfältigen Einsatz z. B. als Sprengstoff- und Drogenspürhunde, sie suchen vermisste Personen oder werden im medizinischen Bereich als Diabetes- oder Epilepsiewarnhunde eingesetzt. Auch im privaten Bereich erfreuen sich Ausbildungen zum Suchhund (z.B. Zielobjektsuche, Mantrailing) immer größerer Beliebtheit; vielleicht sind ja einige von Euch auch dabei und könnt über Eure Erfahrungen berichten.

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Kleine Spürnase – Eddie im Alter von 12 Wochen (Weihnachten 2014)

Falschanzeige bei Spürhunden – Faktor Mensch?

Ein sehr kritischer Punkt, vor allem für Diensthunde, ist die Falschanzeige von etwa Drogen oder Sprengstoff: der Hund zeigt an, obwohl nichts zu finden ist. Etwa wenn ein Dienst-Spürhund eine Erfolgsrate von 60 % hat, würde er bei 4 von 10 Personen falsch anzeigen. Für den Betreffenden kann das unter Umständen erhebliche legale Konsequenzen zur Folge haben. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, nicht nur die Qualität der Ausbildungsstandards und Trainingsmethoden zu optimieren, sondern auch Ursachenforschung zu betreiben. Ein Suchhund arbeitet im Team – mit dem Menschen. Welchen Einfluss hat der Faktor Mensch auf Falschmeldungen bei Spürhunden? Eine amerikanische Studie (Lit et al., Animal Cognition 2011) an der University of California, Davis hat genau diese Fragestellung untersucht, mit einem verblüffenden Ergebnis… Aber eins nach dem anderen! Was das berühmte Pferd „Kluger Hans“ damit zu tun hat, dazu kommen wir auch gleich ;-)

Ab in die Kirche – was und wie wurde untersucht?

In ihrer Studie haben Dr. Lisa Lit und ihre Kollegen insgesamt 18 Hund-Mensch Teams aus dem Diensthundebereich untersucht (Drogen- und Sprengstoffspürhunde verschiedener Rassen, z. B. Belgischer Malinois, Deutscher Schäferhund, Mischlinge). Ihre zentrale Hypothese war: Spürhunde können falsch anzeigen, weil ihnen der Mensch unbewusst Signale gibt, wenn er selbst glaubt, dass ein verdächtiger Stoff vorhanden ist – auch, wenn in Wirklichkeit gar nichts zu finden wäre. Um diese Hypothese zu überprüfen, mussten die Untersuchungen an einem Ort stattfinden, der möglichst noch nie mit verdächtigen Stoffen in Kontakt gekommen ist (um korrekte Anzeigen zu vermeiden) – zum Beispiel in einer Kirche wäre das anzunehmen, und dieser Ort wurde von den Forschern ausgewählt.

Der elegante Trick der Studie war, dass der „Faktor Mensch“ manipuliert wurde: die Diensthundeführer gingen (fälschlicherweise) davon aus, dass in den vier zu durchsuchenden Räumen tatsächlich Marijuana und Schießpulver versteckt wären. Die Hundeführer wurden instruiert, dass in jedem der vier Räume bis zu drei Ziel-Duftspuren vorhanden sein können, und dass in zwei der Räume zusätzlich noch rote Papiermarker auf diese Punkte hinweisen. Jedoch wurden die Ziel-Duftspuren (Marijuana, Schießpulver) gar nicht gelegt! Es wurden nur Lockduftspuren ausgelegt (auf die die Hunde aber nicht trainiert waren, anzuschlagen). Und die zusätzlichen Papiermarker  an einigen Stellen, wo der Hundeführer laut Anweisung glaubte, dass dort die Spur wäre, waren nur Attrappe. Außerdem wurde durch ein Doppel-Verblindung verhindert, dass die Versuchsleiter unbewusst Hinweise geben könnten.

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wo sind die Duftstoffe???

Falschanzeige des Spürhunds, wenn der Hundeführer glaubt, dass es eine Spur gibt

Die Studienergebnisse belegen eindeutig: obwohl nirgendwo Duftspuren von Marijuana und Schießpulver gelegt wurden, zeigten die Spürhunde insgesamt 225 Mal an (aus 144 Durchgängen, Mehrfachanzeigen möglich). Nur insgesamt 15 % aller Durchgänge waren fehlerfrei. 17 aus 18 Hunden (94 %) zeigten in einem oder allen Durchgängen falsch an. Weitere Auswertungen ergaben, dass die Hunde nicht nur die falschen Lockduftstoffe meldeten, sondern auch vermehrt dann anzeigten, wenn der Hundeführer glaubte zu wissen, wo genau genau im Raum die Spur platziert wurde anhand der Papiermarker, die jedoch nur Attrappe waren. Dieses statistisch hochsignifikante Ergebnis legt nahe, dass vor allem der (fälschliche) Glaube des Hundeführers über das Vorhandensein einer Spur viele Falschmeldungen der Spürhunde hervorruft. Nach Abschluss des Experiments wurden alle Hundeführer aufgeklärt und waren sehr überrascht; sie hatten aufgrund des cleveren Versuchsaufbaus und der Doppel-Verblindung tatsächlich nichts gemerkt.

Eine mögliche Erklärung: der „Kluge Hans-Effekt“

Ein Pferd namens „Kluger Hans“ erlangte um 1904 in Berlin große Berühmtheit, weil es unter anderem rechnen und lesen konnte – angeblich zumindest. Das Wunderpferd vermittelte die richtige Lösung über Scharren mit dem rechten Vorderhuf. Das erweckte natürlich das große Interesse der damaligen Wissenschaftler bzw. Psychologen. Eine genaue Untersuchung zeigte, dass das Pferd plötzlich komplett falsch lag, wenn es seinen Besitzer nicht sehen konnte (Scheuklappen, Dunkelheit) oder sein Besitzer die Antwort selbst nicht wusste. Wie das? Die einfachste Erklärung: das Pferd beobachtete kleinste, unbewusste Körpersignale oder Blicke des Menschen und reagierte darauf richtig – und der Applaus bestätigte diese an sich hervorragende Leistung.

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Kluger Hans?!
Dieser Effekt ist auch als Versuchsleiter-Erwartungs-Effekt bzw. als Rosenthal-Effekt bekannt, wo im Labyrinth jene Rattengruppe erfolgreicher war, von denen der Versuchsleiter glaubte, dass sie durch Zuchtwahl „intelligenter“ seien – obwohl sie es in Wirklichkeit nicht waren. Auch hier bewirkte der Glaube des Menschen an die Fähigkeiten des Tieres bzw. die menschliche Interpretation von Umweltreizen eine unwillkürlich spezielle Behandlung des Tieres. Übrigens, im Zuge der Beobachtungen des Wunderpferdes Hans dressierte ein Maler seine Schäferhündin Nora auf unscheinbare Körpersignale und führte mit ihr dann ähnliche Kunststückchen auf (was letztendlich dann die wissenschaftliche Untersuchung des Wunderpferdes und die Bestätigung der Hypothese nach sich zog).

Unsere Haushunde lesen unsere Mimik und Körpersprache ganz genau (siehe auch mein kürzlicher Beitrag zur „sozialen Intelligenz“ von Haushunden). Deshalb gehen in der Spürhund-Studie von Lit et al. (2011) die Forscher davon aus, dass die Diensthundeführer unwillkürlich körpersprachliche Signale aussendeten, wenn sie glaubten, dass ein Duftstoff vorhanden war (z. B. anhand der Attrappen-Papiermarker). Dies könnte den Hunden anhand von leichtem Nicken, Kopfdrehen oder Blicken zur Attrappe übermittelt worden sein – wie damals beim Wunderpferd „Kluger Hans“. Wie stark Hunde sich von der Körpersprache des Menschen beeinflussen lassen, zeigt eine Studie aus der Miklósi-Gruppe (Szetei et al., Appl Anim Behav Sci 2003): obwohl eine Schüssel mit Futter zur freien Verfügung stand, bevorzugten immerhin 51 % der Hunde die leere Schüssel, wenn der Mensch auf die Schüssel mit dem Finger zeigte.

Fazit

Die eigene Körpersprache ist vielen oft nicht bewusst, vor allem in Stress- oder Leistungssituationen – im Unterschied zu z.B. Sportlern oder (guten) Hundetrainern, die gezielt ihre feinmotorischen Körperbewegungen zu kontrollieren gelernt haben. In der Studie von Lit et al. wurden leider keine Videoaufzeichnungen gemacht, welche eine Verhaltensauswertung der Hundeführer erlauben würden. Die Erklärung erscheint jedoch stark plausibel, auch auf Basis anderer psychologischer Experimente, wie oben angeschnitten.

Diesen „Faktor Mensch“ sollte man, laut Studienergebnissen, meiner Ansicht nach bei der Ausbildung von Spürhunden immer berücksichtigen, zumindest, wenn es um Präzision, rechtliche Entscheidungen oder Wettbewerbsurteile geht. Im Hobbybereich denke ich: Hauptsache, es macht Spaß und der Hund wird geistig ausgelastet. Selbst wenn er, wie der „Kluge Hans“, ein Meister darin wird, seinen Menschen richtig zu lesen – umso bessere Voraussetzungen für eine fehlerfreie Mensch-Hund Kommunikation. Unsere Körpersprache und physiologischen Reaktionen können nicht wirklich lügen ;-)

Bis bald und viel Spaß beim Training! Eure Kiki + Eddie

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Zielobjektsuche? Früh übt sich ;-) Eddie, 17 Wochen alt.

P.S.: Bisher habe ich mit Eddie Zielobjektsuche ausprobiert, hobbymäßig, und könnte mir das sehr gut neben Agility weiter vorstellen. Was sind Eure Erfahrungen?

Links zur Originalstudie (Lit et al., Animal Cognition 2011):

Der „Kluge Hans-Effekt“:

 

Zughund

[Reisen] Scherben+Kippen oder Abenteuer auf sauberem Waldboden?

…nach erfolgreicher Projektdeadline komm ich endlich wieder zum Schreiben :-)  Die letzten Wochenenden (sch**kalt!!!) war ich viel auf dem Land unterwegs. Und als Großstädterin merke ich immer stärker, ich bin das einfach nicht mehr (wie schon im Herbst an der Ostsee festgestellt). Klar, zum Studium war’s super und mein Job ernährt mich hier. Aber mit Hund sehe ich einige Dinge ganz anders, die mich früher nie gestört haben (und die ich als Kind in ländlicher Wohnlage so nicht kannte, zumindest nicht in der Masse): Scherbenhaufen und Kippen an fast jeder Ecke, Essensreste, Straßenlärm ohne Ende, viele gehetzte und genervte Menschen, die bei jeder Gelegenheit die Ellenbogen ausfahren (Hundebesitzer!!!), räumliche Enge und Abgasluft.

Zum Thema Geruchsexplosion in der Stadt hat mich auch der lesenswerte Beitrag von Modepraline nachdenklich gestimmt. Ich stelle mir das so vor: für einen Hund ist die normale Stadt-Gassirunde wahrscheinlich so, als hört er über eine gigantische Stereo-Anlage mit 120 dB die Nachrichten – hunderte oder tausende Kanäle gleichzeitig. Selbst die Parks oder städtischen Wald-Hundegebiete sind komplett überlaufen, und die Geruchsmarkierungen (jede mit hündischem Mitteilungscharakter!) von vielen, vielen Jahren überlagern sich dort ohne Ende. Der Hund schnüffelt, klar – aber ist das „entspannt“? Der mega Geruchs-Flash, aber was ist daran noch unberührte, reine Natur? Ein echter Waldboden, im Gegenteil zu „Waldgebieten“ in der Stadt, sieht ganz anders aus:

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in der Stadt unmöglich – fast unberührter Frühlings-Waldboden, mit lauter spannenden Gerüchen für die feine Hundenase!

Nicht falsch verstehen, jedem das Seine und das, was ihn/sie glücklich macht! Ich persönlich brauche keine Kneipen, Kino, Museen oder Betonwüsten. Mit mir im Reinen bin ich in der stillen, puren Natur. Input und intellektuellen Anspruch hab ich jobmäßig genug ;-)

Eddie (jetzt 18 Monate alt) im Freiheitsrausch :-) der gut duftende Frühlingswald füllt alle Sinne aus und wir streiften entspannt einfach nur durch die Gegend. Gerademalso, dass ich ein Foto knipsen konnte… und obwohl Eddie wie immer gerne sprintet und neugierig alles erkundet, läuft es entspannter ab, als in der Stadt mit all den Gefahren und Einschränkungen, die das Stadt-Leben für einen sehr aktiven, offensiv-neugierig veranlagten Hund mit sich bringt.

Entdeckt haben wir am Wochenende einen stillgelegten Güterzug. Eddie war noch nie im Zug und bekuckte sich das große Ding respektvoll und dann sehr neugierig:

Ich hab ja so ein Faible für stillgelegte Ruinen und wie sich die Natur alles zurückholt. Zeit ist so mächtig! Eddie hat ein Faible für Klettern, und im Wald ist er am liebsten auf Baumstämmen unterwegs, wir spielen Versteckspiele im Dickicht und Suchspiele. Kleine Tricks werden auch mit eingebaut und Impulskontrolle (z. B. „Platz“, während ich etwas Futter oder mich selbst verstecke). Und ansonsten stromern wir einfach gemeinsam durch die Natur. Chillen eben, aber nicht auf dem Sofa ;-)

Und für’s leibliche Wohl wurde natürlich auch gesorgt. Waldluft macht hungrig!

Nach einem aufregenden Wochenende, wo Hund einfach Hund sein konnte und Frauchen prima ihren Arbeits-Kopf ausgelüftet hat, heißt es nur noch: arbeiten, schlafen und sich auf’s nächste (Oster-) Wochenende freuen!

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…bissel gewachsen, Herr Charming?! :-)

Bis bald und habt schöne Ostern, Eure Kiki+Eddie

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